Bericht von Nadia Bailon

Auch das zweite Sommerfest in und für und mit Tranzit war wieder ein voller Erfolg. Etwa 65 Jugendliche und junge Erwachsene wohnten während der Campwoche im Loyola-Gymnasium. Sie waren die Trainer und Anleiter für die Bereiche Bühnenbild, Schauspiel, Tanz, Musik und Logistik, wirkten allerdings im Rahmen der Möglichkeiten auch bei der Realisierung des Theaterstücks aktiv mit. Jeden Tag kamen etwa 75 Kinder unserer Grundschule und aus Tranzit ins Gymnasium, um in thematischen Gruppen die Inszenierung und Aufführung des Stücks einzuüben. Am Abend des Samstag 14. Juli kam das Stück vor etwa 200 Zuschauern zur öffentlichen Aufführung in einem Prizrener Open Air Kino. Wir sind froh, dass uns abermals ein Brückenbau zwischen Loyola und Tranzit, zwischen Kosovo und Westeuropa (Jonas Foundation Genf), zwischen Jesuitenschulen und –werken (Stiftung Ignatianischer Jugendpastoral), zwischen Roma und Nichtroma gelungen ist.

Es fand Begegnung statt zwischen Kulturen, Herkünften, Bildungsgraden und sozialen Schichten. Viele Teilnehmende konnten sich in der Übernahme von Leitungsverantwortung üben. Konfrontation mit sozialer Not und Ungerechtigkeit sowie die Erfahrung der Mitarbeit an ihrer Beseitigung waren stets präsent, genauso wie Fragen, was es heißt „Mensch für andere zu sein“ oder wie Kampf für Gerechtigkeit konkret aussehen kann. Rückblickend sind etliche Lernerfolge festzustellen: vorwiegend junge Menschen haben Selbstbewusstsein getankt und Wachstum gespürt, vor allem durch das Bühnenereignis. Sie haben die eigene Würde erlebt – Empowerment, das war es, was geschehen ist.

Ignatianisch von Bedeutung war für uns darüber hinaus die tägliche Reflektion und dass sich alle regelmäßig eingeübt haben in ein vertieftes und wirkungsvolles Teilen und Mitteilen. Tägliche Austauschrunden, Morgenmeditationen und xamensgebete sowie religionsverbindendes gemeinsames Meditieren und Beten machten den Glaube erlebbar. Schließlich können wir sehr zuversichtlich sagen, dass diese Intensivzeit dem Projekt auf allen Ebenen wieder einen ordentlichen Wachstumsschub gegeben hat. Es war eine Intensiverfahrung von Brückenbau und Freundschaft zwischen ALG und Tranzit. Jetzt geht es darum, die anstehenden Veränderungen in Tranzit vorzubereiten: Stabilisierung der neuen Leitung und der Verantwortlichkeit der jugendlichen Mitarbeiter/innen, Vorbereitung des Eröffnungsfestes im Herbst.

 

Die Stiftung Ignatianische Jugendpastoral freut sich, dass mit Nadia eine Stipendiatin für ein Jahr ins Projekt „Tranzit“ gezogen ist, um dort mit Ihrer abgeschlossenen Ausbildung als Erzieherung den eben angesprochenen Veränderungsprozess mitzugestalten. Sie schrieb im Spätsommer aus dem Kosovo:

Mittlerweile bin ich etwas über einen Monat in Prizren, im Kosovo. Die Landessprache ist albanisch und das spricht hier auch jeder. Sehr viele Menschen verstehen aber auch ganz gut deutsch und einige sprechen sogar ein bisschen deutsch. Englisch kann auch der ein oder andere. Aber um wirklich in Beziehung zu treten und hier aktiv, produktiv und effektiv zu arbeiten muss ich schon albanisch sprechen. Zwei Tage nach meiner Ankunft habe ich gemeinsam mit Dorea aus Tübingen, die hier nach ihrem Abitur einen Freiwilligendienst absolviert und Pater Sperringer aus Wien, dem neuen Jesuitensuperior der kleinen Kommunität hier in Prizren (er ist 74!!) einen Intensivkurs in albanisch angefangen. Das Wort „intensiv“ beschreibt unseren Sprachkurs sehr treffend: Von Montag bis einschließlich Samstag arbeiten wir uns in Regeln und Klänge der neuen Sprache hinein. Schon am ersten Tag schaffen wir es bis zur Seite 18 des Lehrbuchs. Am Nachmittag heißt es, den Stoff wiederholen, Vokabeln lernen und Hausaufgaben machen. Jeden Tag kämpfen wir uns durch eine komplette Lektion und nach drei Wochen haben wir 17 der 18 Lektionen unseres Lehrbuchs geschafft, 287 Seiten albanisch! Uns allen brummt der Kopf und in der Mittagspause falle ich 1-2 Stunden in einen bleiernen Tiefschlaf.

Besondere Hochachtung habe ich vor unserem 74jährigen Mitschüler, der sich von uns Jungen nicht abhängen lässt. Unsere sehr nette Lehrerin lockert den Kurs auf mit kleinen Ausflügen in den Supermarkt, ins Cafe, in die Stadt. So können wir unsere neu erworbenen Sprachkenntnisse gleich anwenden. Abends und am Wochenende treffen wir uns mit den einheimischen Mitarbeitern, werden eingeladen bei einer Familie zum Fastenbrechen. Aber die Entspannung hält sich in Grenzen: Eine völlig unbekannte Sprache zu lernen ist vor allem unglaublich anstrengend!

Die kurzen 3 Wochen waren gepaart mit emotionalen Höhen und Tiefen. Wenn man einfach gar nichts verstanden hat. Die Gespräche um mich herum kommen mir vor wie endloses Stimmengewirr. Dann kommt schnell eine Hoffnungslosigkeit, dass man diese Sprache nie verstehen wird. Wenn man einem Gespräch auf albanisch lauscht und keinen blassen Schimmer hat, was da gerade geredet wurde. Zu den ersten Glücksmomenten nach längerer Durststrecke gehörte in der zweiten Woche die Aufgabe, mich selbst in einem kleinen Text zu beschreiben und vorzustellen – auf Albanisch! Und es gelang! Dennoch, es bleibt eine unglaubliche Erfahrung zu sehen wie es ist, komplett hilflos zu sein und sich nicht ausdrücken zu können. Wie wichtig und faszinierend doch die Erfindung der Kommunikation und Sprache ist. Wie frustrierend es ist, wenn man einfach nichts sagen kann, weil einem die Wörter fehlen! Und wie viele schöne Momente man erlebt, weil Menschen sich freuen, dass man ihre Sprache lernt. Bis jetzt waren alle hier sehr, sehr, sehr geduldig und hören aufmerksam zu, bis ich mühsam meinen Satz auf albansich geformt habe. Während ich spreche fängt mein Gegenüber oft an zu lächeln, da ich sicher einige Fehler mache. Und genau solche kurze Momente sind es, die am Ende den Tag schön machen. Wenn man verstanden wurde und selber seinen Gegenüber verstanden hat!